Aus gegebenem Anlass: Zur Absurdität der Verschwörungstheorien

\"Fuck the NWO\"
Man ist im Allgemeinen doch immer wieder darüber überrascht und erstaunt, welch enormen Einfluss paranoide Vorstellungen auf die Weltbilder ganzer Gesellschaftsgruppen haben. Man liest von der Finanzherrschaft, von Geheimdiensten, den Bilderbergern (vgl. auch hier) und einer Fülle anderer obskurer Organisationen, wie den Freimaurern oder den Illuminaten. Den erklärten Feinden der Menschheit wird dabei ein beeindruckendes organisatorisches Potential zugeschrieben; ein solches wäre nun mal dafür nötig, wenn man etwas derartig komplexes wie die gesamte Welt und deren Bevölkerung, ja sogar das Klima, kontrollieren wollte. Bedauerlicherweise beschränken solche von Verschwörungstheorien überzeugte Gruppen sich nicht auf eine Bewunderung des Erfolges der vermeintlichen Herren der Welt. Nein, sie erwarten ernsthaft politisches Engagement und teilweise merkwürdige Reaktionen auf die „illegitime Steuerung von außen“. Das die Popularität der besagten Verschwörungstheorien in der Gegenwart besonders in antiamerikanischen, esoterischen, offen antisemitischen und anderen rechten Kreisen besonders hoch ist, hindert auch sich in bürgerliche und linke Milieus einordnende Individuen nicht daran, ihnen Glauben zu schenken.
Angesichts der ideologischen Verbissenheit der Konspirologen sollte man sich eigentlich über keine der von ihnen geplanten oder gar durchgeführten Aktionen mehr wundern und ihre Absurdität als mit der entsprechenden Überzeugung übereinstimmend und somit voraussehbar und nicht weiter erwähnenswert hinnehmen. Dennoch gerät der Betrachter beim Anblick eines Schriftzuges wie „Fuck the NWO“ am Wittener Rathaus ins Grübeln.
Was wollen die Agitatoren damit aussagen? Hat die Wahl ihrer Sprühfläche eine inhaltliche Bedeutung? Warum machen sie sich überhaupt die Mühe?
Die NWO (neue Weltordnung; new world order) wird unter Verschwörungsfans als Ziel der Konspirativen Verbindungen, die hinter sämtlichen politisch relevanten Geschehnissen der Vergangenheit stecken, gesehen. Die Theorien über die Beschaffenheit dieses Zustandes (eben der „neuen Weltordnung“) sind dabei ähnlich zahlreich wie die, die sich mit den angeblichen Profiteuren der vermuteten Verschwörungen beschäftigen. Manche sehen schon in der Globalisierung den Ansatz zu der neuen Weltordnung, die alle Kulturen, Religionen und nationale Eigenarten gegen eine Weltgesellschaft aus rein am Konsum orientierten Subjekten tausche. Andere gehen von Chips aus, die Menschen implantiert werden, um sie der Kontrolle der Verschwörer zu unterwerfen und ein von Freiheit beraubtes Sklavenheer zu schaffen. Warum also den Kampf gegen den übermächtigen Feind am Wittener Rathaus bestreiten? Soll die neben dem Schriftzug gekritzelte durchgestrichene Abstraktion einer einäugigen Pyramide Mitglieder des Illuminaten-Ordens im Stadtrat Wittens entlarven? Erhoffen sich die Agitatoren ein Aufbegehren der bürgerlichen Gesellschaft gegen projizierte Feindbilder und andere Produkte menschlicher Vorstellungskraft?
Auch wenn wir diese Fragen bedauerlicher Weise nicht beantworten können, empfehlen wir den Schöpfern des zweifelhaften Schriftzugs, neben allen anderen, die an der „öffentlichen Version“ bzw. „offiziellen Version“ irgendwelcher historischer Ereignisse zweifeln, oder sich einfach so für Verschwörungstheorien und deren Erklärungsmuster interessieren, den Vortrag zum Buch „ Entschwörungstheorie – Niemand regiert die Welt“ von Daniel Kulla im soziokulturellen Zentrum Trotz Allem am 21. November 2011.

Kritische Intervention Witten, November 2011