Kommentar zur Kritik an der Veröffentlichung des Textes „Kritik der Occupy-Bewegung und sympathisierender Gruppen“

Wir danken denjenigen, die sich die Zeit genommen haben, sich mit unserem Text zur „Occupy“-Bewegung auseinanderzusetzen und uns in Form eines Kommentars auf dem Blog, einer inhaltlichen Ergänzung auf Indymedia oder direkt per E-mail eine Rückmeldung gegeben haben. Dass wir als neue Gruppe, neben viel Kritik, auch positive Rückmeldungen bekamen und dass wir einen Beitrag zur Diskussion rund um die Aktionen dieser neuen „sozialen Bewegung“ leisten konnten, freut uns. Wir möchten an dieser Stelle auf die unterschiedlichen Kritiken reagieren.

Warum wir eine Kritik an der Occupy-Bewegung für unbedingt notwendig halten:
Wir wurden mit dem Vorwurf konfrontiert, anstatt selber etwas auf die Beine zu stellen und den Kapitalismus zu kritisieren, uns lediglich an Bewegungen gegen selbigen aufzuhalten und damit „Spaltung“ zu betreiben. Dazu stellen wir fest:
1.Wir haben in unserer Kritik versucht aufzuzeigen,warum es sich bei „Occupy“ und co. um keine antikapitalistische, zwangsläufig emanzipatorische Bewegung handelt. Von einer „Spaltung“ kann daher keine Rede sein. Des Weiteren haben wir betont, dass letztendlich jeder selbst entscheiden muss, in wie weit er die Proteste für unterstützenswert und Reformen innerhalb des Systems für machbar hält und auch, in wie weit es sich lohnt, die Bewegung aus linksradikaler Sicht zu „politisieren“. An unserer Kritik an der Bewegung ändert das nichts. Vielmehr machen wir deutlich, warum wir selber mit „Occupy“ nicht sympathisieren können und stellen lediglich die reflexartige Solidarisierung anderer linker / linksradikaler Zusammenschlüsse in Frage.
2.Wir haben an verschiedenen Stellen darauf hingewiesen, dass wir uns als explizit antikapitalistisch agierende Gruppe verstehen. Uns jetzt vorzuwerfen, dass wir nicht direkt nach Gründung der Gruppe mit einer Analyse der Verhältnisse und Aktionen gegen den Kapitalismus beginnen, halten wir schlicht für eine unangemessene Unterstellung. Ohne uns festlegen zu wollen, glauben wir, dass Kritik an den Verhältnissen bereits mehrfach formuliert wurde. Auch ohne eine klare Position zu den verschiedenen Strömungen marxistischer Kritik müssen wir als KIWi das Rad nicht neu erfinden. Vielmehr geht es aus unserer Sicht darum, regressive Kritik an den Verhältnissen, bei welcher die Gefahr besteht hinter die errungenen bürgerlichen Freiheiten zurückzufallen, anstatt über sie hinauszugehen, nicht zu unterstützen, sondern zu kritisieren.

Warum wir am Vorwurf der verkürzten, weil personalisierten Kapitalismuskritik festhalten und den Vorwurf des strukturellen Antisemitismus in unsere Kritik eingebracht haben:
1.Die meisten Aufrufe aus der Occupy-Bewegung (auch die, welche wir kritisiert haben), greifen auf ein „Wir vs. Sie“ Schema oder auf das Bild der „99% vs. 1%“ zurück. Diese Rhetorik ist personifizierend und zeugt von einem Weltbild konspirativer Vorstellung. Eine bestimmte Gruppe, die meist noch nicht mal näher definiert wird, wahrscheinlich aber stellvertretend für Politiker, Manager, Konzernchefs usw. steht, wird für die Übel des Kapitalismus verantwortlich gemacht. Das diese aber den selben kapitalistischen Zwängen (Konkurrenz, Bestehen auf dem Weltmarkt, Kapitalakkumulation, Wachstum usw.) des Systems ausgesetzt sind, wie letztendlich jeder andere auch und auch ein „Absetzen“ oder ein „Ersetzen“ dieser Funktionäre am Kapitalismus selbst nichts verändert, bleibt außer Acht oder ist den Kritikern nicht bewusst.
2.Dass Produktions- und Finanzssphähre im Kapitalismus unmittelbar zusammenhängen, wird in der Kritik der Bewegung durch die Reduktion dieser Komplexität auf Begriffe wie „Finanzherrschaft“ und co. unterschlagen. Wir unterstellen hierbei niemandem, „Antisemit“ zu sein oder offen die Nähe zum Nationalsozialismus zu suchen, sondern sehen lediglich die Ähnlichkeit zu antisemitischen Erklärungsmustern (und damit eben auch zu Vokabular aus der Zeit des NS!), bei denen ebenfalls eine Personengruppe, die Juden und JüdInnen, die Schuldigen sind und sich dieses Problem nur durch die „Entfernung“ dieser Gruppe löst.
3.Wir denken, dass ein Zusammenhang zwischen dargestellter verkürzter Kritik und der Teilnahme von offen rechten und / oder verschwörungstheorie-offenen Personen und Gruppen besteht. Diese reaktionären Freaks können an der „Kritik“ ohne Probleme anknüpfen und sich dabei sogar noch als besonders radikal hervortun. Unabhängig von dem Vorwurf, an dieser Stelle rhetorisch zu übertreiben, ist es uns schleierhaft, wieso wir uns mit dem Vorwurf, die „Antisemitismuskeule“ zu schwingen, auseinandersetzen müssen. Dies lässt die Vermutung zu, dass sich unsere Kritiker hier nicht ausreichend mit dem facettenreichen Thema „Antisemitismus“ beschäftigt haben und / oder ein Mangel an Selbstreflexion besteht.

Kritische Intervention Witten (KIWi), Oktober 2011


3 Antworten auf „Kommentar zur Kritik an der Veröffentlichung des Textes „Kritik der Occupy-Bewegung und sympathisierender Gruppen““


  1. 1 holzwurm 31. Oktober 2011 um 21:37 Uhr

    Es ist sehr zu begrüßen, dass Ihr die „errungenen bürgerlichen Freiheiten“ wertschätzt und als verteidigungswürdig anerkennt. Wie auch immer diese letztlich ausgestaltet werden und was das dann bedeutet. Vermutlich werdet Ihr dafür gescholten werden. Aber es ist ein vernünftiger Ansatz.

    Besser eine gute Analyse und gereifte Überlegungen,
    als blinder Aktionismus und Dogmatismus!

    Eine kritische Betrachtung der Occupy-Bewegung ist,
    ob der vielfältigen Strömungen, berechtigt.
    Doch eine Frage finde ich in dem Zusammenhang sehr spannend: Warum profitiert nicht grade jetzt in der Krise linke Politik? Müsste diese nicht viel offensiver vertreten werden?

    Meines Erachtens weist die „verkürzte,
    weil personalisierte Kapitalismuskritik“ (99% vs. 1%)
    zumindest (einigermaßen zutreffend) auf die realen Verteilungsbedingungen hin. Diese werden zunehmend als ungerecht empfunden, was sich in der Occupy-Bewegung ausdrückt.

    Sache der Politik wäre es, diesen Missstand zu beheben (wie andere auch). Nicht umsonst schwenkt aktuell die CDU (überraschend) beim Thema Mindestlohn um. Das ist zwar nicht radikal, aber real. (Und längst überfällig.) Ebenso halte ich die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens für realistischer, als die „Überwindung“ des Kapitalismus. Aber wer weiß?

  2. 2 Joga Twickel 06. November 2011 um 15:56 Uhr

    Klar, dass solche Leute, die ihre reine, explizit kapitalismuskritische Lehre vor sich hertragen, alle Übrigen kritisieren müssen. Das übliche linke dämliche Hickhack um die reine Lehre. Zum Kotzen überflüssig.

    Die Herren und Damen sollten sich mal zu Gemüte führen, dass Sankt Marx auch blind war auf dem Zinsauge. Das Problem des Kapitalismus sind nicht die Kapitalisten, sondern das Geldsystem, genauer Zins und Zinseszins. Sie erzwingen Wachstum und Verschuldung und Verteilung von Unten nach Oben. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel hat bekanntlich in Russland und China etc. nicht den Zwang zu Wachstum und Verschuldung überwunden, weil das Geldsystem unangetastet blieb.

    Genau das wird nun endlich grundsätzlich in Frage gestellt. Da muß KIWI und die gesamte Marxistenschaft über Marx hinaus dazulernen. Obs wohl gelingt ???

    Herzliche Grüße, Joga Twickel

  3. 3 gesine 07. November 2011 um 3:53 Uhr

    ja, der Slogan „wir sind 99%“ blendet aus, dass wir alle in die Ausbeutungshierarchien verwickelt sind. und verschiedene merkwürdige strömungen, die bei occupy dabei sind, irritieren.

    aber wieso droht daher rückschritt?? es gibt beispielsweise bei bestimmten deregulierungen der finanzwirtschaft ganz konkrete auswirkungen auf menschen (bei nahrungsmittelspekulationen z.B. Tod), die durch eine erneute Regulierung verhindert werden können. Ziemlich bequem, zu sagen, dass das ja nur Kosmetik am bösen System wäre.
    Und es gibt tatsächlich Personengruppen, die wirtschaftliche Interessen effektiv in der Politik durchsetzen – mal bei Lobbycontrol informieren.

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